12.06.2026
Interview mit Jörn Pötting, Architekt

„Das Alter wird aktiver, vielfältiger und individuell sein“

Herr Pötting, was treibt Sie und Ihr Team an bei der Suche nach neuen Lösungen für das Wohnen im Alter?

In erster Linie ist das der demografische Druck, der längst keine abstrakte Zukunftsfrage mehr ist. Laut Statistischem Bundesamt war 2024 bereits rund jede fünfte Person in Deutschland 67 Jahre alt oder älter. Bis 2035 wird es voraussichtlich jede vierte sein. Gleichzeitig befindet sich die Babyboomer-Generation im Übergang vom Erwerbsleben in den Ruhestand. Deshalb müssen wir das Wohnen im Alter aus der Nische holen und als zentrale Architekturaufgabe begreifen.

Was unterscheidet die „Babyboomer“ von der Generation davor?


Diese zahlenstarken Jahrgänge, die ungefähr im Zeitraum von 1957 bis 1968 geboren sind, haben Wahlfreiheit, Konsum, Mobilität und Individualisierung erlebt und tragen ihre Erfahrungen jetzt ins Alter hinein. Die Kriegskinder waren stärker von Mangel, Verzicht und Anpassung geprägt. Die Boomer dagegen haben gelernt, Lebensmodelle zu verändern. Sie wollen Sicherheit, aber keine Bevormundung, Gemeinschaft, aber keinen Zwang. Sie wünschen sich Service, ohne dass daraus sofort ein institutionelles Setting wird.

Wie können Wohnformen aussehen, die diesen Bedürfnissen gerecht werden?


Um die Selbstständigkeit möglichst lange zu erhalten, braucht es ein Kontinuum guter Wohnformen, die auch die Phase zwischen normalem Wohnen und Versorgtwerden einbeziehen. Dieses Dazwischen beginnt bei nachrüstbaren Wohnungen im Bestand und barrierearmen Neubauten, damit jeder so lange wie möglich in seinem vertrauten Umfeld bleiben kann. Für die, die sich verändern wollen oder müssen, wären die Alternativen etwa gemeinschaftliche Wohnformen, Servicewohnungen oder ambulant unterstützte Wohngemeinschaften. Und wenn es nötig wird, braucht es gute stationäre Angebote. Bei all dem geht es weniger um „jung“ oder„alt“ als um Würde, Alltagstauglichkeit, Privatheit, Gemeinschaft und Versorgungssicherheit.

„Zusammen ist man weniger allein“ – dieser Satz trifft auch oder vielleicht sogar besonders aufs Älterwerden zu. Kann Architektur Gemeinschaft fördern?


Ja, denn Gemeinschaft entsteht nicht nur durch Programme, sondern auch durch gebaute Anlässe. Also durch Küchen, in denen man sich wirklich begegnet, durch Bibliotheken, Werkstätten, Atrien, Laubengänge, Speiseräume oder gemütliche Sitznischen. Die Architektur sollte Rückzug ermöglichen und gleichzeitig das soziale Miteinander erleichtern, aber nicht erzwingen. Ich denke, die Nachfrage nach solchen Modellen ist groß, doch noch gibt es zu wenig Angebote.

In Dänemark haben Sie spannende Beispiele für Co-Living im Alter gefunden….


Dänemark zeigt sehr gut, dass gemeinschaftliches Wohnen dann funktioniert, wenn es architektonisch und organisatorisch ernst genommen wird. Die drei Objekte, die ich besucht habe, haben in sich abgeschlossene Wohnungen mit Küche und Bad. Zusätzlich teilen die Bewohner Räume wie Nähateliers, Gemeinschaftsküchen oder Wintergärten. Diese Häuser sind keine Pflegeeinrichtungen. Man zieht dort vielleicht schon mit 50 ein, in einer Phase neuer Freiheit. Also nicht, weil man muss, sondern weil man eine andere Form von Alltag möchte. Da die Architektur zusätzliche Qualitäten anbietet, können die privaten Flächen kompakter sein, was das Ganze erschwinglicher macht. Bei „Balancen“, „Roberthaven“ oder „Kamelia Hus“ ist genau diese Logik ablesbar.

Wie fördert gebauter Raum dort das Miteinander?


„Balancen“ im ländlichen Ry ist als dichte, wie kristallin gewachsene, eingeschossige Siedlungsstruktur gestaltet. Vier Holzhäuser mit kleinem Austritt ergeben jeweils eine Gruppe um eine Art Dorfanger herum. Es gibt fünf Gruppen plus das Gemeinschaftsgebäude in der Mitte. Dort kann man zum Beispiel günstig essen. Bedingung ist, dass jeder mal für die anderen kocht. Alle bringen persönliche Sachen wie Geschirr, Bücher oder Werkzeuge ein. Diese Buntheit schafft Zuhause-Atmosphäre. „Kamelia Hus“ in Kopenhagen-Valby hat 49 Wohnungen und ist vor allem wegen seiner urbanen Einbindung interessant. Man trifft sich in den Werkstätten, im Bewegungsraum oder im Gewächshaus, das hier aus Platzgründen auf der Dachterrasse ist. Das selbst gebackene Brot erfreut sich im Quartier großer Beliebtheit. Teilhabe an der Stadt ist hier das Leitmotiv. „Roberthaven“ gehört zu „Agorahaverne“, einem Konzept nachhaltiger Seniorengemeinschaften mit mehreren Standorten auf Seeland. Typisch ist der überdachte Atriumgarten, um den sich die Wohnungen gruppieren. Ein geschützter Innenraum, der Licht, Übersicht und Begegnung zusammenbringt.

Was passiert bei Pflegebedürftigkeit?


Dann zeigt sich die Grenze dieses Modells. Gute gemeinschaftliche Wohnformen ersetzen keine Pflegestrukturen. Darum ist für mich auch die Anschlussfähigkeit an ambulante Dienste, Tagespflege oder intensivere Betreuungsformen ein entscheidender Punkt.

Sie sprachen auch das Servicewohnen an. Ein Beispiel dafür haben Sie 2008 in Potsdam gebaut.


Im Johanniter-Quartier gibt es 63 barrierefreie, unterschiedlich große Wohnungen, ausgestattet mit verschiedenen Assistenz- und Sicherungssystemen sowie zwei betreute Wohngemeinschaften. Unten befinden sich ein Restaurant, ein Café, eine Bibliothek und der Klubraum mit Kamin. Es gibt einen Concierge und ein Schwimmbad plus Sauna und Physiotherapie. Zudem ist das Haus an weitere Versorgungsbausteine wie Tagespflege angebunden. Die Gemeinschaftsflächen ergänzen die eigene Wohnung sinnvoll und machen das Haus sozial dichter. Man lebt dort mit hoher Eigenständigkeit und ist trotzdem nicht alleine gelassen.

Das klingt recht exklusiv. Was machen diejenigen, die weniger Budget zur Verfügung haben?


Gute Architektur darf keine Luxusfrage sein. Exemplarisch ist unser Haus für die Arbeiterwohlfahrt in Berlin-Spandau direkt am Park mit 26 barrierefreien Wohnungen, alle mit Balkon und Fußbodenheizung. Es ist kostengünstig entworfen und gebaut worden. Darum sind die Mieten auch mit schmalem Geldbeutel zu bestreiten. Es bietet eine Dachterrasse für die Gemeinschaft, Beratungsangebote und eine Tagespflege im Erdgeschoss, über die auch individuelle Service- und Betreuungsleistungen möglich sind. Gerade dort zeigt sich, worum es mir geht: kleine, bezahlbare, gut geschnittene Wohnungen, die Würde ausstrahlen und bei Bedarf Unterstützung integrieren können. Aus meiner Sicht ist das der Kern der Zukunftsaufgabe.

Wo Bedürfnisse sind, entsteht ein Markt. Sicher lohnt es sich, in „Senior Living“ zu investieren, oder?


Der Markt professionalisiert sich sichtbar. Netzwerke wie Universal Rooms zeigen, dass der Bereich heute sehr konkret bearbeitet wird – von Beratung und Planung bis zur Umsetzung. Gleichzeitig würde ich nicht nur von einem Markt sprechen. Es geht um einen gesellschaftlichen Bedarf, der wirtschaftlich tragfähig beantwortet werden muss. Wer heute in seniorengerechte, gemeinschaftsfähige und ambularisierbare Gebäude investiert, zahlt in einen wachsenden Teil des normalen Wohnungsmarktes ein.

Welche Rolle spielt die Politik, wenn es um gute Wohnlösungen fürs Alter geht?


Die Politik hat eine Schlüsselrolle. Wir brauchen Barrierefreiheit und Nachrüstbarkeit als Standard im normalen Wohnungsbau, nicht als Sonderlösung. Außerdem sollte Förderung für Umbau und Umnutzung sowie für Genossenschaften und Quartiersmodelle ausgebaut werden.

Wo möchten Sie alt werden?


Das Alter der Zukunft wird vielfältiger, aktiver und individueller sein. Ich möchte in einer Umgebung alt werden, die mich nicht kleiner macht, sondern handlungsfähig hält. In einer funktionierenden Wohnung, in die ich mich zurückziehen kann und mit netten Menschen um mich, mit denen ich mich nicht erst verabreden muss, um ihnen zu begegnen. Eine Werkstatt oder ein Ort zum Tüfteln wären prima und Wasser in der Nähe. Für mein Faltboot.

Die Fragen stellte Ulrike Wilhelmi

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