News huge visualisierung freiraum fischbeker reethen 1
Freitag, 02. Oktober 2020, 12:05 Uhr
Hamburgische Architektenkammer

"Chancen für die Nach-Corona-Stadt" - Positionspapier veröffentlicht

Transformationsprozesse frühzeitig erkennen und steuern - die Covid19-Pandemie hat bereits zu großen Veränderungen geführt und wird dies auch in der Zukunft tun. Stadtentwicklung, Stadtplanung, Städtebau, Architektur, Verkehr, Wirtschaft und Handel werden sich spürbar wandeln (müssen). Seit zwei Dekaden wachsen die großen Städte kontinuierlich, weil immer weniger Menschen hinaus- und immer mehr hineinziehen. Es war und ist attraktiv, in der Stadt zu wohnen, mit all ihrer Urbanität, den vielen Angeboten und den kurzen Wegen. Dies trifft für Hamburg, aber auch für viele andere Großstädte zu. Die Pandemiekrise hat nun allerdings Probleme und Entwicklungen deutlich gemacht, die schon vorher vorhanden waren, nun jedoch verschärft und verstärkt werden. Gegenwärtig zeichnet sich ab, dass u.a. durch die verstärkte Arbeit im Home Office für viele Menschen die Notwendigkeit entfällt, nahe dem Arbeitsplatz und damit in der Stadt zu wohnen.

Durch die Pandemie erodiert die aus der Zeit der Industrialisierung stammende, durch die Digitalisierung immer weniger notwendige Verbindung von Arbeitsplatz und Ballungsraum umso rascher. Die Stadt benötigt infolgedessen ein neues Selbstverständnis, das auf Kreislaufwirtschaft und (kulturellem) Austausch beruht. Die notwendigen Transformationsprozesse umfassen notwendigerweise auch Aushandlungsprozesse zu städtischen Räumen: Wem gehören welche Räume? Welchen Nutzern und Nutzungen stehen sie zur Verfügung? Wie nutzungsoffen sind sie?

Angesichts der aktuellen Entwicklung und auch aufgrund weiter sehr hoher Miet- und Kaufpreise bei Wohnungen sowie einer abnehmenden Attraktivität der Innenstadt wird es von Sozialforschern, Demographen und Ökonomen für möglich gehalten, dass das Bevölkerungswachstum Hamburgs sich bereits in naher Zukunft deutlich abschwächt oder gar zum Erliegen kommt. Dies birgt Chancen und Risiken für die Stadt. Klar ist: Hamburg muss auf die skizzierten Veränderungen reagieren.

Die Lehren, die wir aus dieser Krise ziehen, sind, laut Hamburgischer Architektenkammer, eine Chance, ein lebenswerteres, sozialeres und stabileres Hamburg zum Wohle aller Menschen zu schaffen. Sie hat deshalb als erste Institution in Hamburg überhaupt den Versuch unternommen, die Lage zu analysieren und auf sechs Handlungsfeldern Lösungsvorschläge zu erarbeiten.

Hier sind einige Kernthesen der Architktenkammer in stichwortartiger Zusammenfassung - das gesamte Positionspapier finden Sie hier zum Download:

 

1.    Raum schaffen!

·    Mehr Platz für Anwohner*innen und Passant*innen in engen, dichten Stadtquartieren durch breitere Fußwege

·    In Wohnquartieren Schaffung von Multi-Use-Spaces als Treffpunkte

·    Überdenken der gegenwärtig gebauten sehr hohen Dichten in Wohnquartieren

 

2.    Grün- und Erholungsräume ausbauen!

·    Vergrößerung und Ausbau von Parks, Grün- und Erholungsräumen

·    Bessere Pflege der Grünanlagen

·    Einrichtung von Multifunktionsflächen für unterschiedliche Nutzungen

·    Ersatz von ökologisch fragwürdigen Büschen und Hecken durch vielfältigere Pflanzungen oder Gemeinschaftsgärten

·    Anlage von Dachgärten und -terrassen

 

3.    Wohnen vielfältiger machen!

·    Mehr Flexibilität in Wohngebäuden

·    Kein Wohnen in Erdgeschossen, dort stattdessen Einrichtung von z.B. mietbaren Arbeitsräumen und Werkstätten

·    In Wohnungen abtrennbare Raumbereiche für das Arbeiten vorsehen

·    In neuen Wohngebäuden nutzungsneutrale, nicht zu kleine Räume planen

·    Neubau: Belichtung und Belüftung von Wohnungen immer zu mindestens zwei Seiten

·    Neubau: Pro Wohnung immer mindestens einen Balkon vorsehen

·    Dach-, Hof- und Vorgärten planen

·    Keine Schlafstadt mehr. Nutzungsmischungen in Wohnquartieren vorantreiben

·    Quartiertreffpunkte für den Austausch der Bewohner*innen schaffen

·    Rasche Verbesserung der technischen Infrastruktur (schnelles Internet)

·    Quartiersmanager in Wohngebieten als Ansprechpartner*innen und Troubleshooter

 

4.    Verkehr in die Stadt integrieren!

·    Sofortige Einrichtung von Pop-up-Radwegen für sicheres und komfortables Radfahren

·    Konsequenter Ausbau des Fuß- und Radwegenetzes

·    Nutzungsneutrale Flächen für Spiel, Sport, Verweilen, Gastronomie

·    Ausbau des ÖPNV nicht nur innerhalb der Stadt, sondern auch zur besseren Anbindung des Umlands

·    Prüfung von Express-Stadtbahnlinien entlang der Magistralen zur Umlandanbindung

·    Prüfung einer Begrenzung der Höchstgeschwindigkeit auf 30 km/h in der inneren Stadt

·    Bessere Zusammenarbeit aller Planungsbeteiligten: Straßenräume sind nicht nur Verkehrs- sondern auch Lebensräume

 

5.    Die Innenstadt neu denken!

·    Nicht mehr benötigte Einzelhandelsflächen umnutzen, beispielsweise für Wohnen

·    Forcierung des Wohnens in der Innenstadt

·    Verkleinerung zu großer Einzelhandelsflächen und Ansiedelung inhabergeführter Geschäfte

·    Förderung neuer Konzepte: Popup-Stores, gläserne Manufakturen, digitale Produktion, innerstädtisches Handwerk

·    Offensive Nutzung des Vorkaufsrechts bei Verkauf von Gewerbeimmobilien durch die Stadt, um Transformationsprozesse zu initiieren und zu steuern

·    Einführung eines von Bund und Ländern finanzierten Bodenfonds

·    Aufbrechen der Monostruktur durch neue Kultur-, Sport- Freizeitangebote

·    Rasche Verbesserung der Außenräume

 

6.    Die Metropolregion schaffen!

·    Gemeinsame Landesplanung und Metropolregionskonzept von Hamburg und Umlandgemeinden

·    Grenzübergreifende Zusammenarbeit bei Verkehr, Ansiedlung, Ausweisung von Flächen etc.

·    Harmonisierung der Verkehrs-, Siedlungs- und Freiraumpolitik


Weitere Infos: www.akhh.de






Das könnte Sie auch interessieren...

Durch die Nutzung dieser Website erklären Sie sich damit einverstanden, dass diese Seite Cookies verwendet. Mehr Infos